"Let It Be" vs. "Let It Be ... Naked":
Über 40 Jahre ließ sich Paul Zeit, um dann seinen persönlichen Mix von Let It Be zu veröffentlichen. Wie man am Cover schon erkennen kann, die Fotos der vier als Filmnegativ, sollte ursprünglich auch eine DVD in einer neu überarbeiteten Version erscheinen doch, wie schon früher erwähnt, war das Material wohl einfach zu schlecht, so bleibt vorläufig nur der Vergleich der beiden Musik-Alben.

Die Songzusammenstellung:
Für mich war schon von klein auf "Two Of Us" der perfekte Opener aber so lang man keine andere Version kennt, kann man auch nicht darüber frei urteilen. Get Back, der Opener von "Naked" is eigentlich der ideale Beginn für das Album - hier sicher besser platziert als auf dem Original als letzter Song. Auch danach geht's auf der neuen Compilation besser weiter: Dig A Pony passt super auf Get Back aber erstmal möcht ich die schwache Zusammenstellung des Originals betrachten: die erste Seite beginnt gut, wird dann ein bisschen langweilig, bevor mit Dig It ein Songfragment kommt und dann das "finale" Let It Be. Maggie Mae dahinter hätte man sich sparen können. I've Got A Feeling als Beginn der zweiten Seite is ohne Frage sehr gut platziert, danach geht's munter weiter bevor's wieder etwas fad wird und das kraftvolle Get Back kommt viel zu spät. Ich mochte Let It Be immer sehr gern aber es war stets ein langweilig anzuhörendes Album. Wer das auch so sieht bzw. hört, der findet in der Naked-Version gleich mal die erste Lösung: Die Zusammenstellung ist viel besser. Jeder Song passt auf den vorigen als gäbe es keine Alternative, Two Of Us nach Winding Road ist genauso grandios und mit I've Got A Feeling die erste Vinyl-Seite zu beenden und mit One After 909 die zweite zu beginnen ist einfach nur richtig. Das anschließende Don't Let Me Down statt Dig It und Maggie Mae kann nur ein Gewinn sein, I Me Mine gewinnt danach ungeheuer und das wundervolle Finale mit Across The Universe und Let It Be macht "Naked" schon mal in dieser Hinsicht viel besser als Phil Spector's Original.

Eines fällt auch noch auf:
Paul McCartney wollte doch immer dieses Live-Feeling übermitteln, hat aber interessanterweise auf der Naked-Version auf alle Gesprächsfetzen zwischen den Songs verzichtet.

Two Of Us:
war für mich immer der Lennonesqueste Song, den McCartney je geschrieben hat. Man würde sich wünschen, die beiden hätten den Song für den jeweiligen Co-Sänger geschrieben, auch im Film wirkt dieses Duett als einer der wenigen stimmigen Songs, aber natürlich hat Paul den Song für Linda Eastman geschrieben. Vielleicht sind die Vocals von John, der hier ausnahmsweise mal die höhere Stimme singt, auf dem Original relativ laut abgemischt und so wirkt es fast, als wär dies der Leadgesang.
Die Naked-Version ist hier nur ein anderer Mix der Original-Version.

The Long And Winding Road:
Das ist also die Version, weswegen Paul sich all das angetan hat und wegen der er vielleicht sogar das Ende der Band bekanntgegeben hat. Ok, zugegebenermaßen sind das schwere Geschütze, die ich hier auffahre, aber was soll's, es gibt tausende Beiträge über dieses Thema und die Wahrheit werden wir nie erfahren - und ehrlich gesagt ist sie auch wirklich nicht weiter wichtig.
Paul war ja damals mit dem Orchesterarrangement einverstanden, nur die Frauenchöre hat er immer gehasst. Bei seiner neuen Version ist Winding Road der einzige Song, der wirklich naked ist. Kein Orchester, keine Chöre, nur Klavier, Bass und ein verhaltenes Schlagzeug. Die später einsetzende E-Gitarre und das schwächste Orgel-Solo, das Billy Preston wohl je eingespielt hat, machen das Kraut auch nicht fett.
Dennoch: The Long And Winding Road ist für mich persönlich Paul's bester Song, den er je geschrieben hat. Egal, in welcher Version, ob Let It Be oder eine der unzähligen Live-Versionen, der Song geht mir ganz nahe. Ich mag den Text genauso wie die minimale Instrumentierung von Naked, und ich mag sie auch lieber als die Original-Version. Das Original ist Phil Spector's Wall Of Sound aber nicht dieses gefühlvolle Stück einsamer Popmusik, wie es sich Paul ausgedacht hat. Deswegen danke Paul für diese Version!

I Me Mine:
Auch hier hat Phil Spector Orchester dazugemischt und hier kann ich's noch weniger verstehen. Der Song gewinnt ungeheuer durch das rohe und ausgezeichnete Gitarrenspiel von George, der hier ausnahmsweise akustische und elektrische Gitarre spielt (I Me Mine ist einer der wenigen Songs, bei dem John nicht dabei war). George singt und spielt die Gitarren, Paul Bass und Keyboards, Ringo Drums, John war in Dänemark. Es war eigentlich auch der letzte Song, der aufgenommen wurde. Danach folgten nur noch einzelne Takes für bereits aufgenommene Songs. Der letzte Song, bei dem alle vier anwesend waren, war übrigens bezeichnenderweise The End, das Finale vom Abbey Road Album.
So, zurück zu Let It Be: I Me Mine, auch sicher besser als die Orchester-Version von Phil Spector. Die Stimmen kommen besser raus, die Gitarren und die Orgel harmonieren super.

Across The Universe:
Und hier sowieso. Die definitiv beste Version von Universe. Im Frühjahr 1968 wurde dieser ja schon aufgenommen und für einen Benefiz-Sampler vom Wild Life Fund zur Verfügung gestellt. Die Version vom Sampler wurde um einen Halbton höher gepitcht und Vogelgezwitscher hinterlegt - eine sehr gute Version, wie ich meine. Die schlechteste Version ist, wenn man sie im Vergleich hört, sicher die Original-Let It Be-Version. Diese ist nämlich um einen Halbton hinuntergestimmt, was sie auch langsamer macht. Keine Ahnung, was Phil Spector damit bezwecken wollte. Die Naked-Version ist also die einzige in der Original Stimmung D-minor und ohne Orchester ist das ein einziges woooow!! So schön, so nahe, so echt, so John.
Eigentlich unverständlich, dass die Band diesen Song so außer Acht ließ und beinahe gar nicht veröffentlichte. Zwar ist das Orchester-Arrangement hier ein wirklich ausgezeichnetes aber dennoch gewinnt hier wieder die Naked-Version. Ich hab sie schon ein paar mal aufgelegt und jedes Mal kam sofort eine Rückmeldung eines Gastes, so was wie "jööö, schööön, danke", ich wette, dass das bei der Originalversion nicht der Fall wäre, obwohl der durchschnittliche Beatles-Kenner gar nicht erkennen würde, dass es sich um eine andere Version handelt. Sie gehört wohl einfach so wie auf Let It Be ... Naked.

sonst noch:
Andere Original/Naked-Unterschiede liegen vor allem an der modernen Studiotechnik, die eine ganz andere Dynamik ermöglicht als die alten Mischpulte. Der eine oder andere Mix variiert natürlich und teilweise wurde eine neue Version aus mehreren Takes zusammengeschnitten. Ich empfehle aber unbedingt, sich dieses Album zu besorgen.
So. Let It Be. Ende.