Es war vermutlich 1990, als Walter Hendrix, damals noch Walter Ratheiser das Jetzt eröffnet hat. Der ehemalige Heurige, in dem angeblich auch mal eine Milchbar ansässig war, wurde fortan zur 

    
Rock-Hütte. Was sonst hätte man in dieser Zeit eröffnen sollen, war doch gerade die Zeit des Grunge und des Crossover angebrochen. Nirvana, Red Hot Chili Peppers, Rage Against The Machine, Pop Will Eat Itself, Soundgarden, Killing Joke, Ministry, Prong, Helmet, Dinosaur Jr. u.dgl. waren angesagt. 

Es war neben Techno, der ebenfalls in dieser Zeit grad groß rauskam die letzte große Musikbewegung, eigentlich bis heute.

Entsprechend gut lief das Jetzt dann auch in dieser Zeit, neben dem Schlawiner, dem Kritsch, dem alten Chelsea, dem alten Flex im 12. Bezirk und dem Zipp, das übrigens Walter's damaliger Ehefrau Susanne Gerdenitsch, die das Lokal auch heute noch führt, gehörte, waren die Musikbegeisterten von damals dankbar über jedes Lokal, das neben Hochprozentigem auch laute Musik und vielleicht noch einen Wuzzler hatte.

Und dann hatte das Jetzt noch eine Besonderheit. In zwei Kellerräumen entstanden zwei Proberäume, die zwar von den engagierten Bands erst freigeschaufelt werden mussten, dann aber durchwegs Qualität hatten, auch weil man in der Probepause ein paar Stufen höher in einem vollen Hardrock-Beisl ein paar Bier nachtanken konnte. ....Geil.

Der Chris, langjähriger Arena-Beisl-Mitarbeiter und mittlerweile Betreiber der kleinen Rock-Hütte Bottlhoed in der Burggasse, war einer von ihnen. Er sah zwar nicht so widerlich aus wie Lemmy von Motörhead aber er hatte definitiv seine Stimme und seinen Stil (und den hat er bis heute behalten:-)

Den zweiten Raum okkupierten Ballyhoo, die später die erste österreichische Band mit einem Major-Label-Vertrag werden sollten und bei Robert Ponger, dem Produzenten und Co-Autor von Falco's ersten beiden Alben, aufnehmen durften. Roli Vogl, heute Stamm-Dj im Chelsea und Gitarrist vom W.Ambros, spielte in den 80ern noch bei den Losers mit Robert Rotifer, Flo Krämmer, spielte zuvor in einer NewAge-Popband, heute spielt und singt er bei den Lost Compadres sowie mit Christian Eigner (Depeche Mode). Markus Gartner arbeitet heute als Musikproduzent und gerade mal vom Bassisten Stefan Vischer weiß ich nichts mehr. Jedenfalls waren die Jungs alle gerngesehene Stammgäste und spielten ihre ersten beiden hochgelobten Alben im Jetzt-Keller ein.




Hier der Chelsea Chronicle vom März 1994, das war damals beinahe das einzige Alternative-Musikmagazin Österreichs. Die Titelseite schmückten Ballyhoo, das Foto aufgenommen im Jetzt-Garten.








Noch ein Stück Geschichte: Ballyhoo schrieben über die Melodie von "A Hard Day's Night" ihre Jetzt-Hommage,
wahrlich legendär!
Fernet war übrigens Walter's Medizin...



Eine weitere Jetzt-Band war Stoned Deformity, die um einiges härter rockten als die melodiösen Ballyhoo. Sänger Pipi, der später bei der Hardcore-Band Permanent Style und der Industrial-Band Subnation weiterrockte, Gitarrist Benny, heute Mastermind der Alternative-Pop-Band WeMakeMusic* und Senad am Bass bildeten den Kern der Hausband.

Der Jetzt-Proberaum scheint übrigens immer wieder erfolgreiche Künstler hervorzubringen. So hat zuletzt die Band Kreisky ihr erstes Album bei uns im Keller einstudiert.

In Walter's letzten Jetzt-Jahren ging die Hütte ein bissl den Bach runter. Walter war sein bester Gast, das Publikum wurde älter, "tiefer" und vorbestrafter. Auf Renovierungen im Lokal wurde weitgehend verzichtet, weil die einfache Bevölkerung mit dem Zerstören der Einrichtung sowieso schneller war als der ....ähm, etwas versoffene Chef. Die wenigen Geistesblitze, die ihm noch blieben waren entsprechend schwachsinnig. So auch diese eine mit dem Gitter, die aber Legenden-Status erreichte und niemals vergessen wird:

Walter bildete sich ein, er bräuchte ein Gitter vor der Bar, rief den Pipi an, der zwar kein Meister des Handwerks war aber dafür sollte es allemal reichen. Irgendwo im Gastgarten, oder besser gesagt, irgendwo auf dieser Deponie, auf der sich auch ein paar Heurigentische befanden, lagen diese Baugitter herum, die man als Bewehrung beim betonieren verwendet. Und es dauerte kaum einen Nachmittag, bis sie die ganze Bar eingezäunt hatten. So veblüfft man war, als man dies zum ersten Mal sah, so genial deppat war die Idee. Ich weiß noch, wie sich Walter wie ein kleines Kind gefreut hat, dass die Kaiser-Bier-Krügel-Gläser ganz genau durchgepasst haben durch das grobmaschige Gitter (ich tipp mal auf 20x20cm).

Ein Freund vom Bulla hatte dann irgendwann Ende '95 schätz ich, dieses Comic-Heftl angefertigt, das einen Tag im Leben der Band Stoned Deformity zeigte und hier sieht man auch in einem Bild die Jetzt-Bar mit Gitter.

 

Vielleicht taucht ja noch ein Foto auf - das würd mich wirklich sehr freuen!


Im Frühjahr '96 musste sich Walter dann schweren Herzens vom Jetzt trennen. Er hatte ein Jahr zuvor das Shelter am Wallensteinplatz eröffnet und war aufgrund der Investitionen und dem mittlerweile eher schwachen Geschäftsgang des Jetzt ein bissl in Bedrängnis geraten, war mit der Miete im Rückstand und der Besitzer des Objekts nutzte die Gelegenheit, ihn zu kündigen. Die beiden hatten sich wohl nicht besonders lieb.

So kam es, dass ich das Lokal übernahm, war ich doch langjähriger Stammgast und verstand mich gut mit'n Walter. Vielleicht war ich ja auch der einzige, dem er das Lokal angeboten hat, weil er wusste, dass ich aus der Gastronomie kam (meine Eltern hatten seit 1965 ein Lokal im 1. Bezirk, wo ich seit meinem 16. Lebensjahr mehr oder weniger regelmäßig arbeitete).

Und so übernahm ich mit 1.7.1996 das Jetzt für eine Ablöse von 10- oder 20.000 Schilling, was wenig erscheint aber den Wert der Einrichtung mit Sicherheit übertraf. Doch immerhin übernahm ich auch den Hauskater Felix, der laut Walter "hier her gehört" und damit hatte er auch recht. Diese besondere Katze war natürlich unbezahlbar und meine Beziehung zu ihm sollte sich bis zu seinem Tod 10 Jahre später ganz aussergewöhnlich vertiefen.

Eröffnet wurde das Jetzt am 19.7.1996 nach einer kurzen und eher planlosen Renovierungsphase in der wir mehr oder weniger nur ausmalten. Ich glaub, das ganze Objekt war einfach so heruntergekommen, die Kakerlaken spazierten an der Bar herum, Lüftung war quasi keine existent, die Kühl- und elektrischen Anlagen waren in einem fürchterlichen Zustand.... in Wahrheit hätte man die Hütte sprengen müssen, doch, ähm... fehlte damals das Geld dafür... und auch für irgendwelche anderen Investitionen. Ich weiß noch, dass ich das Lokal unbedingt heller machen wollte, dies aber bis zur Eröffnung nicht geschafft hab, woraufhin ein oder zwei Neon-Balken ein wohl etwas sonderbares Ambiente an den ersten Tagen schufen.